Wann erkennen wir, dass ein Lebenskapitel vollständig geworden ist?
Manchmal frage ich mich, wann wir im Leben eigentlich erkennen, dass etwas vollständig geworden ist. Nicht beendet, nicht gescheitert, nicht verloren, sondern vollständig. Vielleicht gibt es dafür keinen Kalender und keinen festen Zeitpunkt. Vielleicht spüren wir es zunächst nur als leise Veränderung, als ein kaum wahrnehmbares Verschieben der inneren Aufmerksamkeit. Das, was uns viele Jahre getragen hat, verliert nichts von seinem Wert, doch es ruft uns nicht mehr in derselben Intensität wie früher.
Als Jugendliche half ich bereits in der Nachhilfeschule meiner Mutter mit. Damals war mir nicht bewusst, wie prägend diese Jahre für mein späteres Leben werden würden. Ich lernte Verantwortung zu übernehmen, dranzubleiben und Herausforderungen nicht aus dem Weg zu gehen. Vor allem lernte ich etwas, das mich bis heute begleitet: das Gefühl, nicht alles sofort zu können und dennoch weiterzumachen. Vielleicht konnte ich deshalb später Kinder so gut verstehen, die an sich zweifelten, weil ich diesen Zweifel selbst kannte.
Aus der Schule meiner Mutter wurde irgendwann meine eigene Schule. Aus einigen Schülern wurden viele. Aus einzelnen Unterrichtsstunden wurden Jahrzehnte. Rückblickend kommt es mir manchmal vor, als hätte ich einen großen Teil meines Lebens damit verbracht, Menschen daran zu erinnern, dass sie mehr können, als sie gerade glauben.
Die vielen Rollen des Lebens und warum Frauen sich oft vergessen
Im Laufe der Jahre kamen neue Rollen dazu. Ich wurde Mutter, Ehefrau, Unternehmerin, Ansprechpartnerin und Begleiterin. Jede dieser Rollen hatte ihren Platz und jede hat mich wachsen lassen. Doch wie so viele Frauen kenne auch ich das Gefühl, dass das Leben erstaunlich geschickt darin ist, freie Plätze zu besetzen.
Da sind die Kinder. Da ist die Familie. Da sind Menschen, die Hilfe brauchen. Da sind Aufgaben, Verpflichtungen und Termine. Irgendwann merkt man, dass man zwar genau weiß, was andere brauchen, aber kaum noch sagen kann, was man selbst eigentlich möchte.
Wenn ich heute Frauen begleite, höre ich immer wieder denselben Satz:
„Erst die Kinder, dann ich.“
Manchmal wird daraus ein Jahr. Manchmal zehn. Manchmal ein halbes Leben. Das Verrückte daran ist, dass wir es oft gar nicht bemerken. Wir warten nicht bewusst. Wir gewöhnen uns einfach daran, uns selbst hinten anzustellen.
Die Suche nach Klarheit statt der Suche nach Mut
Viele Jahre dachte ich, ich sei auf der Suche nach dem nächsten Werkzeug. Nach der nächsten Ausbildung. Nach der nächsten Methode. Also lernte ich weiter. System-Coach für ADS|ADHS, CQM, Emotion Code, Lifekinetik, Neurographik und Logosynthese fanden ihren Weg in mein Leben. Jede Ausbildung brachte neue Erkenntnisse mit sich und jedes Werkzeug eröffnete neue Möglichkeiten.
Damals glaubte ich, ich würde all das für meine Schüler lernen. Heute weiß ich, dass jede dieser Stationen auch ein Stück meines eigenen Weges war.
Rückblickend erkenne ich etwas, das mich überrascht: Ich habe nie nach Mut gesucht. Mut war eigentlich immer da. Sonst hätte ich keine eigene Schule gegründet, keine Bücher geschrieben, keine Online-Kurse entwickelt und keine neuen Wege ausprobiert.
Wonach ich wirklich gesucht habe, war Klarheit. Die Klarheit darüber, wo meine Energie hingehört und wofür mein Herz wirklich schlägt.
Wie der Satz „Ich trau mich einfach“ mein Leben verändert hat
Damals ahnte ich nicht, welche Bedeutung dieser Satz einmal bekommen würde. Aus ihm entstand ein Raum. Aus diesem Raum entstanden Begegnungen, Workshops, neue Wege und schließlich eine Marke. Rückblickend erscheint vieles erstaunlich logisch, obwohl es sich unterwegs oft nicht so angefühlt hat.
Vielleicht verstehen wir die Zusammenhänge unseres Lebens immer erst dann, wenn wir zurückschauen.
Kein Abschiedsgefühl nach der Schließung der Nachhilfeschule
In diesem Jahr habe ich eine Entscheidung getroffen, die viele Menschen überrascht.
Nach fünfzig Jahren wird unsere Nachhilfeschule schließen.
Wenn ich ehrlich bin, habe ich erwartet, dass mich dieser Schritt traurig macht. Doch je näher der Zeitpunkt rückt, desto mehr spüre ich etwas anderes. Dankbarkeit.
Dankbarkeit für die Kinder. Für die Eltern. Für die Begegnungen. Für die Geschichten. Für all die kleinen und großen Erfolge, die wir gemeinsam erleben durften. Noch heute kommen ehemalige Schüler vorbei. Manche bringen inzwischen ihre eigenen Kinder mit. Jedes Mal lächle ich darüber und jedes Mal wird mir bewusst, wie viele Spuren ein Leben hinterlassen kann.
Je näher die Schließung rückt, desto klarer wird mir: Ich verlasse diesen Weg nicht, weil ich ihn nicht mehr liebe. Ich verlasse ihn, weil er vollständig geworden ist.
Vielleicht ist genau das Vollendung. Nicht wegzugehen, weil etwas schlecht geworden ist, sondern weiterzugehen, weil etwas vollständig geworden ist.
Möchtest du die ganze Geschichte hören?
In meinem aktuellen YouTube-Video erzähle ich dir, warum sich die Schließung meiner Nachhilfeschule nach 50 Jahren nicht wie ein Ende anfühlt, sondern wie die Öffnung einer neuen Tür.
Nun möchte ich vor lauter Schließung meiner Lernakademie aber meinen Mondrhythmus – LUNARA nicht vernachlässigen. Denn auch der hat mit diesem Thema zu tun.
Was hat derJuli-Mond mit Ernte und Neubeginn zu tun?
Der Heumond gilt als Mond der Ernte. Früher dachte ich dabei an das, was wir erhalten. Heute denke ich eher an das, was wir erkennen.
Ernte bedeutet nicht nur, Früchte einzusammeln. Ernte bedeutet wahrzunehmen, was über Jahre gewachsen ist. Viele Menschen übersehen ihre eigene Ernte, weil ihr Blick bereits auf das nächste Ziel gerichtet ist. Sie sehen den Weg vor sich, aber nicht die Strecke, die längst hinter ihnen liegt.
Vielleicht ist genau das die Botschaft dieses Sommers. Nicht noch schneller zu werden. Nicht noch mehr zu leisten. Sondern stehenzubleiben und einen Moment lang zu betrachten, was bereits da ist.
Warum viele Frauen ihre eigene Ernte übersehen
Wenn ich Frauen zuhöre, höre ich selten große Hindernisse. Ich höre kleine Sätze.
„Im Moment passt es noch nicht.“
„Vielleicht nächstes Jahr.“
„Wenn etwas mehr Ruhe eingekehrt ist.“
Und während ich diese Sätze höre, frage ich mich manchmal, wie viele Jahre unseres Lebens wir eigentlich im Wartesaal verbringen.
Vielleicht warten wir auf Sicherheit. Vielleicht auf Gewissheit. Vielleicht auf den perfekten Zeitpunkt.
Doch vielleicht kommt dieser Moment nie. Vielleicht dürfen wir ihn selbst erschaffen.
Ich bin dran
Wenn ich heute auf mein Leben schaue, sehe ich nicht nur eine Schule, die sich verabschiedet. Ich sehe einen Weg, der mich genau dorthin geführt hat, wo ich jetzt stehe. Ich sehe Erfahrungen, die sich zu etwas Neuem verbinden. Ich sehe Räume, die sich schließen, damit andere entstehen können.
Und vielleicht ist genau das gemeint, wenn wir sagen:
Ich bin dran.
Nicht als Forderung. Nicht als Beweis dafür, dass wir etwas Besonderes sein müssen, sondern als stille Erkenntnis, dass das Leben uns manchmal nach vielen Jahren des Säens dazu einlädt, die eigene Ernte anzunehmen.
Deine Gedanken interessieren mich
🌾 Mich würde heute interessieren:
Wo in deinem Leben spürst du, dass ein Kapitel vollständig geworden ist?
Oder vielleicht noch passender:
Wo darfst du dir selbst erlauben zu sagen: „Ich bin dran?“
Schreib mir gerne einen Kommentar. Ich lese jeden einzelnen und freue mich darauf, von dir zu lesen.